Angst

Wenn du weißt, du hast verloren, kommt die Angst. Wenn du weißt, du hast den Sieg abgegben, dann hast du Angst. Diese Angst breitet sich wie eine schwarze Decke über dich, und dann kannst du nichts mehr. Nicht mehr atmen, nicht mehr lachen, nicht mehr leben. Denn die Decke ist über dir, und manchmal ist es einfach zu schwer, sie abzustreifen zu können. Denn eigentlich wollen wir nur leben. Denn auch wenn genau dies das schwierigste auf der Welt ist, dann wollen wir eigentlich genau das. Denn wenn es zu spät ist, wissen wir, was wir wollen, nämlich genau das, was wir nicht mehr haben können. Und dann läuft das Leben nur noch an dir vorbei. Weil wir nicht mehr die Kraft haben, daran teilzunehmen. Denn die Angst ist einfach zu stark. Angst ist stärker als alles andere.

Doch dann wissen wir, dass es nicht stimmt. Dass du nicht mehr stimmst. Weil manchmal wissen wir es einfach. Das Leben wird nie mehr so sein, wie es einmal war. Und dann wissen wir wieder, dass wir doch eigentlich nur leben wollen. Nur leben, das, was wir vorher nicht verstanden haben. Und dann fragen wir uns, warum es passiert. Warum es uns passiert. Warum es überhaupt passiert. Denn für manches kann es keinen Grund geben. Oder verstehen wir ihn einfach nur nicht? Sind die Regeln des Lebens so sehr irrational, so sehr über uns stehend, dass wir es einfach nicht mehr verstehen? Doch, es muss einen Grund geben. Doch verstehen tun wir ihn trotzdem nicht. Und dann fallen uns plötzlich unsere Träume wieder ein – unsere Träume, die plötzlich so weit weg, so unerreichbar erscheinen. Weil wir wissen, dass es nun zu spät ist. Für so vieles. Zu spät um zu sagen „Ich liebe dich“, zu spät um so vieles gut zu machen, so vieles zu erleben, zu spät um zu fühlen, dass man sein ganzes Leben noch vor sich hat, Denn nun hat man es nicht mehr. Und das Leben geht einfach weiter. Man will stark sein, doch irgendwie kann man es nicht. Man kriegt es einfach nicht hin. Die simpelsten Dinge werden zur Qual, man hat die Kraft nicht mehr dazu. Denn es ist vorbei. Und du weißt es. Du weißt es einfach. Es ist vorbei. Zu spät. Und plötzlich will man, dass es wieder wie früher ist. Früher. Und nicht zu spät.

Frühere Zeiten kommen einem vor, wie aus einem anderen Leben. Oder als ein Leben von einem anderen. War das damals wirklich ich? Der, der gelacht hat? Der, dem nichts unterkriegen konnte? Der, der das Leben genoss? Der, der ich war? Es kommt einem so unwirklich vor, dieser Teil seiner Selbst, so als würde man ihn nicht mehr kennen. Nicht mehr wiederfinden. Das tut weh, manchmal so weh, dass man plötzlich wieder weiß, es ist vorbei. Und wenn man wieder Angst bekommt. Angst, die guten Dinge im Leben zu sehen, Angst, das Gefühl zuzulassen, es geht dir gut. Denn du weißt, es kommt wieder. Es geht dir nicht gut. Es holt dich wieder ein, das Schlechte, das Böse. Die Verzweiflung. Ist Glück vielleicht nur eine Vorspiegelung des Schicksals, die Ruhe vor dem Sturm? Um dich in Sicherheit zu wiegen, bevor es wieder gnadenlos zuschlägt? Du versuchst, positiv zu denken. Es wird alles wieder gut. Es muss doch alles wieder gut werden, nicht wahr? Sag, dass alles wieder gut wird. Bitte sag, dass es vorbei geht. Dass ich mich nicht mehr krampfhaft ablenken muss, nur um noch zu fühlen, dass ich am Leben bin. Nur um nicht in Tränen auszubrechen, wie es so oft passiert in letzter Zeit. Weil dir plötzlich bewusst wird, dass du es in vergangen Zeiten doch gut hattest. Und du es nicht erkannt hast. So lange nicht erkannt hast, bis alles wieder zurückkam und dir alles wegnahm. Und vielleicht ist es auch nur so, dass du es nicht erkennst. Dass du das Gute nicht siehst. Nicht sehen willst. Nicht sehen kannst. Denn immer noch ist die Decke über dir, die alles schwarz erscheinen lässt, die dir nicht mehr die Möglichkeit lässt, glücklich zu sein. Man verlangt eigentlich nicht viel. All die materiellen Dinge werden wertlos, weil du eigentlich nur leben willst. Ganz normal leben. Man verlangt doch gar nicht mehr. Ein normales Leben zu führen. Doch vielleicht ist das schon zu viel verlangt. Vielleicht ist gerade das so unmöglich, dass man dies nicht verlangen kann, Nicht verlangen darf. Aber irgendwann kannst du einfach nicht mehr. Irgendwann ist es genug.

30.9.07 16:23

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